Donnerstag, 5. November 2026

Einmal Neuchatel und zurück, bitte!

So geht Ferien für den Schwendisee- Wart.

Wenn Zeitverschiebung und Nebel die Tage verdüstern, dann ist es November. Die letzten Arbeiten am Klangweg sind getan und der Schwendisee ist winterfest. Zeit für mich, Arbeitsgeräte zu versorgen. Bald ist es dann Winter und ich werde meine Zeit wieder am Berg verbringen. Und dies bis der Schnee taut auf dem Iltios, am Übungslift der Toggenburger Bergbahnen.

Zuerst aber mal Ferien. Ich habe vier Wochen zur Verfügung.  Und wenn ich auf meinen Vorgänger hören würde, nur mal rein angenommen, so würde ich keine Ferien machen. So habe ich es aber in meiner Karriere hier am nahen Berg schon auf zwei Zeitabschnitte gebracht, die man Ferien nennen kann. Einmal verschlug es mich mit meinem jüngeren Sohn über das Wochenende nach Paris. Diesmal, meine lieben Freunde, habe ich den November mit Ausflügen verplant. Auf dem Menü stehen Tages- und Mehrtagesfahrten. Mit der Bahn ins schweizerische Glück, hm. Und ja, sie führen mich auf verschlungenen Schienenstrangwegen auf verschiedene Schauplätze. Darunter Städte, vom Mittealalter geprägt, darunter Bergbahn Unternehmen, die den Schweizer Tourismus prägen.

Die erste Tour führte mich in die Westschweiz, zu unseren Miteidgenossen, den Romands. Oh ja, wir lieben sie, die Romands. Auch wenn wir in einer Confiserie stehen, und auf eine schweizerdeutsche Frage die kalte Schulter gezeigt bekommen. Und natürlich, wenn wir durch die graue Altstadt pilgern, und bemerken, yes, die ist genauso erneuerungswürdig wie viele Altstädte in der Deutschweiz. Mauern bröckeln, Gärten sind verweist, Häuser fallen aus dem Lot. Nun ja, Altstadt eben.

In besagtem Geschäft kaufe ich eine hiesige Spezialität. Ich bekomme sie, nachdem ich höflich auf schweizerfranzösisch gefragt habe: es ist ein Trüffelkuchen. Grüner Inhalt, dreieckige Form, sehr lecker.

Die Neuigkeiten in der Burg, die man die Neue nennt, halten sich sonst sehr zurück. Vom See bis zum Bahnhof, die Stadt versinkt in Erneuerungsarbeiten. Die Parkanlage zwischen dem Stadion Maladiere und dem Hafen: eine riesige Baustelle; und gefühlt an beinahe jeder Ecke der verwinkelten Gassen, Absperrungen, aufgerissene Beläge und unzugängliche Passagen.

Auf dem Stadthügel, wo die Burganlage steht, verwilderte Gärten, zerbrochene Mauern und ungepflegte Halden. Allein die Wege durch die ehemalige Parkanlage und um die Kirche des Reformators, sind ein Erlebnis. Und auch Neuchatel gibt dem finsteren Mittelalter die Ehre. Auch sie beherbergt eine Hexengasse, mehr ein Steig, denn er führt über eine steile, sicher hundert Meter lange Treppe den Hügel hinunter. Bereichert in einer Nische mit einer gemalten Hexe. 

Die Kunst scheint auf innovativen Wegen zu sein, denn es gibt auch eine Gasse, da die Mauern der Häuser mit Bildern verziert sind. Auch dünkt es mich, dass Literatur noch einen Stellenwert hat. Das Buch -Antiquariat, ich finde es auf dem Weg vom Stadthügel herunter. Greife in die vor dem Schaufenster bereitgestellten Aktionen. Blicke in den Laden, wo sich die Bücher stapeln. Nehme ein Buch, huch, es ist auf deutsch: die unheimlich heimlichen Geschichten eines gewissen Friedrich Gerstäcker. Gekrallt, gekauft und froh weitergegangen. Apropo Buch und Laden, man findet in der Einkaufsmeile des Stade Maladiere den Fnac. Eh Wow: Bücher, Platten und E-Ware. 

Ja, und sonst? Was gibt es Neues unter der Sonne? Ausser laufen, bis ich auch einen Laden gefunden habe, da es mir gefällt, etwas zu essen? Ich öffne das Portal der Kirche des Reformators Farel. Orgelmusik saust mir um die Ohren, es fehlt der Geruch nach Weihrauch, ist ja auch eine Reformationskirche. Da gehe ich ein paar Schritte durch den Mittelgang. Die Orgel plätschert, erhaben, würdevoll und irgendwie unaufdringlich. Die Harmonie der Pfeifen dringt in mein Herz, sie transportieren eine Botschaft, respektiv eine Frage. Der Reformator draussen auf dem Sockel scheint hier drinnen aktiv zu sein. Sein Anliegen, eine Bitte. Was tappst du so quer durch die Stadt und haschst nach Leben. Hier ist Leben, direkt am Herz Gottes, und seines Wortes. Ereneuerung ist Geschehen, und Erneuerung kann geschehen. Die Stadt mag alt scheinen, aber hier, mein Freund, in dieser Kirche, ist das Neue. Was immer sprudelt, was immer Lebenskraft schenkt, und was immer in frohen Farben blüht. Vermittelt und geschenkt durch jenen, der sagte, ich sende Euch einen andern Beistand. Der Euch führen, füllen und lehren wird.

Ich bin baff, verharre einen Augenblick, lasse mein Herz mit diesen Gedanken fluten. Das hätte ich nicht erwartet. Ich habe erwartert, auf meinem Ausflug in die Stadt Neuchatel Impulse für mein Leben zu bekommen. Vom Flair der Altstadt, vom Duft der Andersartigkeit; und von den Menschen ein Stück Leben zu erhaschen. Und ich stehe da in dieser Kirche, die wie eine alte Dame wirkt, und werde tief bewegt. 

Das hat mich wiedereinmal an eine gültige Erkenntnis erinnert. Neue Technologien mögen uns noch so einen hohen Standard ermöglichen. Sie mögen das Leben leicht und locker machen. Das einer in einer verlassenen Ecke stehen kann, ein Handy dabei hat, darein brüllt, als ob Gott ihn hören müsse. Dann gehst du aber mal ohne hindernde Vorurteile in eine alte Kirche, und bang, das Leben ist da, pulsierend, strömend, mitreissend. Iniziert durch diese alte Botschaft, durch dessen Kraft der Priesterstand geläutert wurde, und wir jetzt Kirchen haben, die eher Motten, Mäusen und Tauben ein zuhause bieten, als dem Pomp.

Und zuletzt, Neuenburg hat auch eine Drahtseilbahn. Sie führt gut dreihundert Meter vom Bahnhof in die Stadt hinunter. Was natürlich der Stadt auch eine grüne Note verpasst. Denn wer will schon, wenn er pendelt, und nicht mit dem Auto gehen will, jeden morgen einen Hügel hinanrennen, um pünktlich zu sein, und den Zug nicht zu verpassen.

Die Fahrt übrigens mit dem IC, dem Neigezug der SBB, ein reines Fahrvergnügen. Der reisende fühlt sich sanft hin und her bewegt, als befände er sich in einer Badewanne. Und ganz zum Schluss. Im Heute haben wir so viele Dinge, die ein Leben angenehm machen, dass es sich lohnt, diesen Standart zu achten, und: zu wahren. 

 

 

Einmal Neuchatel und zurück, bitte!

So geht Ferien für den Schwendisee- Wart. Wenn Zeitverschiebung und Nebel die Tage verdüstern, dann ist es November. Die letzten Arbeiten am...